Dienstag, 7. Februar 2012
Am Strassenrand
Anfang der letzten Woche bekam ich die Auswirkunger der Trockenzeit zu spueren. Kein Verkaeufer war bereit mir Tomaten zum Normalpreis zu verkaufen. Ich bezahlte also 30 Prozent mehr als ueblich und ging ins Kinderheim wo mich die zweite Auswirkung viel mehr schockieren sollte. Am Morgen wurde ein Saeugling ins Heim gebracht. Um die 10 Tage alt. Schreind lag er da, mit dem Blick nach seiner Mutter suchend. Die legte ihn an den Strassenrand, drehte sich um und schirtt zurueck in ihr Leben in dem fuer das Kind mit dem suessen Laecheln kein Platz ist. Er heisst jetzt Wangila, was soviel bedeutet wie "an der Strasse gefunden".
Eine Woche spaeter kam der naechste Wangila ins Heim. Einen Monat war er alt als seine Mutter ihn und eine Tuete mit Kinderklamotten in einem Gebuesch liegen liess. Waehrend ich ihn auf Arm hielt und die winzigen Gliedmassen betrachte schiessen mir Schlagzeilen deutscher Zeitungen in den Kopf: "Toter Saeuglingin Muelltonne gefunden" und "Neugeborenes erstickt in Plastiktuete in Abfall gelandet". Herzlosigkeit ist anscheinend ein globales Problem. Ich lege den Kleinen zurueck in sein Kinderbett, verlasse das Zimmer und setzte mich in den 7-Sitzer der einen unserer Jugendlichen in das Internat der Highschool bringen wird. Ob das in 15 Jahren mit den beiden Wangilas auch passieren wird? Ob fuer sie die Strasse jemals eine positive Bedeutung gewinnen kann? Die Strasse, die sie zu Bildung fuehrt, die beim beschreiten Zukunft zu Gegenwart und Traeume zu Realitaeten werden laesst.
Ich bin mir ganz sicher, mit der richtigen Hilfe, Liebe und Zuneigung ist das moeglich!



Donnerstag, 26. Januar 2012
An der Ostküste
Nachdem ich aus Kakuma zurück kam, genoß ich nach 2 Nächten auf den eher unkomfortablen Bussitzen ein Nacht in meinem Bett. Am folgenden Abend machte ich mich auch schon wieder auf den Weg nach Nairobi und von dort nahm ich den nächsten Bus nach Mombasa um noch rechtzeitig zu Sylvester die bekannteste kenianische Küstenstadt zu erreichen.
Es ist immer wieder interessant was für Leute man im Bus kennenlernt. Neben mir saß ein junger Mann der schicke Autos von Mombasa nach Uganda oder in den Sudan fährt. Er bot mir an mich mit nach Bungoma zu nehmen aber dies erlaubten meine Pläne nicht. Ich wollte noch die Ostküste besuchen.
In Mombasa schliefen wir zu 13t bei den dort lebenden Freiwilligen. In der vollgerammelten Wohnung ohne Mückennetz zu schlafen war für viele kein Spaß. Ich jedoch hatte Glück und bekam wenige Stiche ab. Es gab wohl jemandem mit schmackhafterem Blut.
Sylvester verbrachten wir am Strand. Menschenmengen tummelten sich dort und unsere Mädels waren ständig damit beschäftigt Körbe zu verteilen. Wir blieben bis zum Sonnenaufgang am Strand. Das neue Jahr barfuss mit feinstem Sand unter den Füßen zu erleben hat schon einen besonderen Reiz.
Einen Tag darauf fuhr ich mit einer Freiwilligen nach Kilifi. Nach einer Schnorcheltour im Korallenriff und Fußball schauen fuhren wir weiter nach Malindi, dem Mekka der italienischen Touristen. Doch das dreckige Wasser ließ uns schon nach wenigen Stunden nach Watamu weiterfahren. Das 15000 Einwohner Dorf hat unglaubliche Strände, die natürlich auch jede Menge Touristen an- oder ausziehen. Watamu allerdings wird dem Ruf Malindis gerecht. Der Ort ist 2 sprachig und jedes man wird ständig mit „Ciao“ angesprochen. In den dortigen Straßen dominieren Pizzerias und Pastageruch.
Hier trifft man auch oft folgendes Bild an: ein Tourist beliebigen Alters und Geschlechts spaziert mit einem/ einer jungen KenianerIn den Strand entlang. Sextourismus in voller Blüte, meist mit Touristen die ihre Blütezeit nur noch auf Bildern begutachten können.



Mittwoch, 25. Januar 2012
Kakuma
"Wir achten nicht darauf wieviele Leute in unserem Bus sitzen, wir wollen nur zeitig losfahren", war der Satz den mir ein Busfahrer um 10 Uhr morgens sagte und der 4 Stunden spaeter in meinen Ohren widerhallte als sich der vollgerammelte Reisebus endlich gen Kakuma in Bewegung setzte.
Aber ich ueberspringe einiges. Seit einiger Zeit hegte ich den Wunsch ein Fluechtlingslager zu besuchen. In der Naehe der somalischen Grenze befindet sich das Dadab-Camp. Jedoch ist dort die Sicherheitslage ziemlich kritisch. Die Terrorgruppe Al-Shabab ist dort aktiv und zwang schon einige Organisationen sich aus der Region zurueck zu ziehen oder unter Begleitung schwerbewaffneter Sicherheitskraefte zu arbeiten.
Ich fand jedoch eine Alternative. Kakuma befindet sich im Nordwesten Kenias an der sudanesischen Grenze. Dieses Camp besteht schon seit Anfang der 90er Jahre und beherbergt 80000 Menschen, darunter Somalis (55%), Sudanesen (25%), Kongolesen (10%) und Aethiopier (10%). Ueber das Internet erhielt ich Kontakt zu einem deutschen Jesuiten der dort seit nun ein einhalb Jahren taetig ist. Die Busfahrt zieht sich ewig, die vielen Stopps bei denen Ein- und Ausgeladen oder Ladeklappen provisorisch repariert werden, schieben die Ankunftszeit immer weiter hinaus. Waehrend der Busfahrt bemerke ich die langsame Veraenderung der Vegetation. Das viele Gruen Bungomas verwandelt sich langsam in die Halbwueste Turkana. Die Pflanzen hier haben einen sehr effektiven Wasserhaushalt. Ein 20 Meter breites, ausgetrocknetes Flussbett zeigt den Wassermangel der Region. Doch bei dem starken Niederschlag waehrend der Regenzeit errinnert nichts mehr an das trockene, wuestenartige Flussbett. Auch den Menschen hier sieht man die Trockenheit an. Die Turkana, der ansaessige Stamm ist gross und sehr duenn. Sie leben einzig und allein von Viehzucht und sind teilweise Halbnomaden. Das Fluechtlingslager hat vielen von ihnen Arbeit gegeben. Die Turkana kleiden sich auch heute noch sehr traditionell. Die Maenner tragen eine Art Gewand und haben immer ihre Hirtenstoecke dabei. Bei den Frauen fallen die durch Ringe gestreckten Haelse auf.
Nun, um 6 Uhr morgens betrete ich das Camp. Es gleicht einer kenianischen Stadt. Es gibt hier kleine Strassenlaeden und allerlei Dienstleister. Nach dem Fruehstueck in einem der kleinen Restaurants erkunde ich die Gegend. Ich treffe Christian, den oben erwaehnten Deutschen, und wir fahren in einem dieser UN-Jeeps durch das Camp. Er erklaert mir seine Arbeit, ein Fernstudienprogramm fuer einige der Fluechtlinge und betont dass es sehr viele dieser Fluechtlinge noch lange in diesem Camp leben werden. Sie wollen oder koennen nicht zurueck. Sie sind traumatisiert oder wollen das Leben, das sie sich in Kakuma aufgebaut haben nicht gegen ein nichts in ihrem Heimatland eintauschen. Deshalb wird Kakuma in absehbarer Zeit nicht leer werden. Hier haben Menschen ein neues Zuhause gefunden.