Induktionsplatte vs Feuerholz oder 100 Tage Kenia
Ich bin euch noch eine Erklärung schuldig für den Namen des Blogs! Heute feiere ich ein kleines Millenium, 100 Tage Kenia. Viele guten, neuen Erfahrungen, einige Herausforderungen und jede Menge Spaß und neue Leute habe ich auf diesem Weg kennengelernt. Nun aber zum Thema. Von Trommlern und Helfern war eine Broschüre die uns, die auszusendenden Freiwilligen auf dem Vorbereitungsseminar damals, vorbereiten sollte. Darin stehen jede Menge Dinge zum rassismusfreien Schreiben, Fotografieren, Reden und so weiter. In der bald erscheinenden Neuauflage ist anscheinend ein Special zum rassismusfreien Backen geplant. Wie auch immer, ihr merkt dass ich das ganze etwas übertrieben finde.
Auf jeden Fall wurden auf diesem Seminar einige Themen versucht zu diskutieren, unter anderem: Ein Jahr Afrika, Elendstourismus oder Entwicklungszusammenarbeit?
Was ist das Resultat aus einem Jahr Afrika? Aus tausenden von Euro die für jeden Freiwilligen verpulvert werden um ihm Wohnung, Lebensmittel, Impfungen und Krankenversicherung zu finanzieren. Was passiert wenn wir, induktionsplattenverwöhnte, mülltrennende Deutsche in ein Land kommen in dem mit Feuerholz geheizt wird und Hinterhöfe Mülldeponie spielen?
Wen nun meine Auseindersetzung mit entwicklungspolitischer Zusammenarbeit überhaupt nicht interessiert, der schaut sich am besten in der Galerie um und hinterlässt dort einen Kommentar.
Aus der Art meiner Fragestellung könnte man mir unterstellen, dass ich mich mit einer vorgefertigten Meinung ans Schreiben gemacht habe. Abwarten!
Wie schon erwähnt ist die bevorzugte Wärmequelle hier Feuerholz. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 865 US-Dollar. Das sind 2,1 % des deutschen BIP/Kopf. Landwirtschaft ist das Zugpferd der kenianischen Industrie. Folglich spielen der sekundäre und tertiäre Wirtschaftssektor nur eine untergeordnete Rolle. Ja, es ist Fakt: Möchte man die globale Polarisation von Reichtum auflockern braucht ein Land wie Kenia Entwicklungshilfe oder um den neuerdings korrekten Ausdruck zu verwenden: Kenia ist auf eine Entwicklungszusammenarbeit mit Industrienationen angewiesen.
Auf der anderen Seite hat ein Land wie Deutschland natürlich auch gewisse Interessen an einer Entwicklungszusammenarbeit. Man schafft sich mit guter Entwicklungshilfe einen neuen Handelspartner und offenen Märkte, einen neuen Verbündeten und ist präsent im Weltgeschehen.
Ich möchte einige Frage stellen, der die Entwicklungspolitische Zusammenarbeit sich stellen muss:
Entwicklungspolitik ist ein Balanceakt. Wie viel Geld wird worein investiert? Wie stark darf in die fremde Kultur eingegriffen werden und wie groß sind die Abhängigkeiten die mit dem in das Empfängerland investierte Geld geschaffen werden? Und, wie groß dürfen diese sein? Wie weit kommt man dem Empfängerland entgegen, wie weit muss dieses alleine gehen?
Wie wird das verfügbare Kapital sinnvoll investiert? Welche Firmen, welche Technologie, in welchem Landstrich? Beispielsweise ist es eine Farce Kindersterblichkeit zu verringern ohne das Arbeitslosenproblem eines Landes anzugehen oder zu glauben man könnte nur in den Wirtschaftssektor eines Landes eingreifen ohne Kultur, Religion und Politik zu beeinflussen. Ja, Entwicklungspolitik ist ein Cockpit ohne Gebrauchsanleitung und ich möchte ungern die Verantwortung dafür tragen was mit dem dazugehörigen Flugzeug passiert. Aber, liebe Verantwortliche, man muss sich trotzdem oder genau deshalb eine Frage stellen: Sind wir zu diesem Balanceakt fähig? Wie viel „Drahtseilkünstler“ steckt in uns?
Welchen Weg muss ein Land selbst gehen, wo darf es getragen und unterstützt werden? Entwicklungspolitische Zusammenarbeit sieht sich als ein Begleiten, Beraten und Unterstützen.
Kindersterblichkeit verringern ohne das Arbeitslosenproblem eines Landes anzugehen ist kurzfristiges, auf eigenes Image abzielendes Denken. Entwicklungszusammenarbeit und wirkliche Hilfe ist eben ein Balanceakt und viele Verantwortliche dafür leider keine Drahtseilkünstler.
Im Afrikareport von 2010 hört es sich wie eine Lobeshymne an, dass einige wenige Länder auf dem besten Weg ist, die Milleniumsziele zu erreichen. Jedoch waren diese Ziele als „versetzt werden“ vorgesehen, nicht als die Ergebnisse eines Musterschülers. Sie sollten weltweit, in jedem Land dieser Erde erreicht werden. Deshalb muss das Lob für diese Länder zuteil wurde als Herabstufung des Klassenziels gesehen werden. In den meisten Fällen, in denen ein Schüler lediglich für das Bestehen der Klasse eine außergewöhnliche Belohnung erhält ist die Hoffnung, dass dieser Schüler jemals gute Leistungen bringen wird schon längst gestorben. Hoffentlich ist sie bei uns noch nicht dahingeschieden.
peace911 am 11. Dezember 11
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren